Ziemlich beste Nachbarn

Gute Nachbarn können helfen, schlechte machen krank. Was genau spielt sich zwischen Gartenzäunen und in Treppenhäusern ab?

Die Menschheit wäre o.k., wenn da bloß nicht die Menschen wären! Es sind Einzelne, die uns mit ihrem Verhalten im Alltag oft in den Wahnsinn treiben. Unsere Nachbarn z.B. – rücksichtlos und derart aggressiv, dass man sie am liebsten verbannen möchte…

Es lebe die Nachbarschaft!

Nachbarn sind ein Paradox: Fast niemand kann sie sich aussuchen, doch sie kommen einem so nah wie kaum jemand sonst. Mit den meisten Nachbarn teilt man wenig mehr als die Wand oder den Zaun. Nachbarn sind dauernd da, das macht sie so nervig – und so wertvoll. Nachbarn seien soziales Kapital, schreibt der amerikanische Soziologe Robert Putnam, und wer soziales Kapital besitze, lebe länger und glücklicher. Sie sind aber auch soziale Kontrolle: „Was sollen bloß die Nachbarn denken?“ Nachbarn treiben einen in den Wahnsinn mit ihrem Lärm, ihren Essens- oder Zigarettengerüchen, den Streitereien und der Klospülung nachts um halb zwei. Aber es sind auch die Nachbarn, denen man den Wohnungsschlüssel anvertraut, die Pflanzen, die Hauskatze und manchmal sogar das Kind. Das gehört zum Idealbild des „guten Nachbarn“: Man kennt sich, man hilft einander, man passt auf.

Wie sehr eine Nachbarschaft die Menschen beeinflusst

Die deutsche Mischung aus Eigentumsliebe, Häusle-Bauwut, Naturverbundenheit, Ordnungssinn und bürokratischem Perfektionswahn macht aus den diversen Ländernachbarrechten der Bundesrepublik eine Kulturleistung von höchster Faszination, die zudem noch hübsch nach Stammeseigenheiten aufgesplittet ist.

Treibende Hefe ist die Liebe zum Streit, speziell zum Rechtsstreit. Rechthaberei und Starrsinn der Deutschen schlagen sich im Nachbarrecht nieder und bringen es dadurch zu höchster Entfaltung. Statt miteinander zu reden, ziehen die Nachbarn vor Gericht. Die Landes-Gesetzgeber fördern das durch exaltierte Gesetze mit subtilem Vollständigkeitsdrang.

Nachbarschaft ist eins der wenigen Dinge, die komplett voraussetzungslos sind. Fast jeder Mensch hat Nachbarn, und deshalb lohnt es sich, diese kleine Keimzelle von Gesellschaft näher anzusehen. Denn die Nachbarschaft spielt im Leben der meisten Menschen durchaus eine Rolle, ob sie wollen oder nicht.

Gute Nachbarschaft ist nicht für jeden das Gleiche

Was aber ist gute Nachbarschaft? Nachbarn müssen nicht unbedingt Freunde sein. Die richtige Mischung aus Nähe und Distanz, meinen Experten. Allerdings ist gute Nachbarschaft nicht für jeden das Gleiche, sondern individuell sehr unterschiedlich. Gute Nachbarschaft ist eigentlich eine, die offen ist, in der man respektiert, dass es ein Mehr oder Weniger an Nähe gibt. Dass man die Bedürfnisse der Nachbarn akzeptiert, ohne sich dem zu unterwerfen.

Welches Bedürfnis Menschen nach Nachbarschaft haben, verändert sich oft im Laufe eines Lebens. Der Student ist vielleicht ganz froh, wenn er nicht so viel mit seinen Nachbarn zu tun hat – es sei denn, man lebt zusammen im Studentenwohnheim. Mit Berufstätigkeit und Familiengründung spiele Nachbarschaft dann oft eine weitaus wichtigere Rolle: Man trifft sich, hilft sich beispielsweise bei der Kinderbetreuung. Auch ältere Menschen sind teilweise auf nachbarschaftliche Hilfe angewiesen.

In schwierigen Zeiten rücken Menschen wieder zusammen

Mit der Industrialisierung zogen viele Menschen in die Städte, Wohnen und Arbeiten waren erstmals getrennt. Die Nachbarn traf man nur noch gelegentlich, zum Beispiel, um Neuigkeiten und Tratsch auszutauschen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die Menschen zunächst wieder stärker zusammenrücken. Mit dem Wirtschaftsaufschwung und mehr Wohlstand zogen sich die Menschen wieder vermehrt in ihre Privatsphäre zurück – der Kontakt zu den Nachbarn wurde verzichtbar.

Auch heute muss die Nachbarschaft keine große Rolle mehr spielen. Dennoch ist es lohnenswert, sich mit dem Umfeld auseinanderzusetzen – zum Beispiel bevor man umzieht. Denn wer neben oder über einem wohnt, sei eigentlich deutlich wichtiger für den Alltag als die Frage, ob man in der neuen Wohnung ein Gäste-WC hat.

Man sollte sich also ruhig die Nachbarschaft genauer ansehen. Denn während man Beziehungen zu Freunden im schlimmsten Fall beenden kann, geht das mit den Nachbarn nicht so leicht.

Lärm und Auto haben größtes Konfliktpotenzial

So kommt es immer wieder zu Konflikten unter Nachbarn. Zoff gibt es vor allem wegen Lärm, (falsch geparkter) Autos und Gemeinschaftsaufgaben, die nicht ausreichend erledigt werden.

Interessant in diesem Zusammenhang: Wenn Konflikte eskalieren – bundesweit landen laut einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) weniger als zwei Prozent der Nachbarschafts-Streitigkeiten vor Gericht – erinnern sich die Kontrahenten meist nicht mehr, was die eigentliche Ursache für den Konflikt war. Der Urknall des Konfliktes wird zunehmend unwichtiger im Laufe seiner Entwicklung. Der Konflikt selbst ist wie ein Tornado, der aus sich selbst heraus Energie gewinnt und immer kräftiger wird. Dann knallt’s und danach verschwindet er auch wieder…

Aufeinander achten

Es lohnt sich also, die Eskalation von Konflikten zu vermeiden. Besser sei es, raten Experten, sich bei den Nachbarn vorzustellen und immer mal wieder ein Schwätzchen zu halten oder sich gegenseitig mit kleinen Dingen zu helfen, um das Vertrauen in die Nachbarschaft zu stärken.

Wenn man aufeinander achtet, kann das entstehen, was Wissenschaftler „Kollektive Wirksamkeit“ nennen, wie Soziologe Sebastian Kurtenbach erklärt: „Wenn ich meiner Nachbarschaft vertraue und die Erwartung habe, dass sie sanktionierend eingreift, wenn abweichendes Verhalten stattfindet, dann steigt auch meine Bereitschaft dazu, einzugreifen, wenn irgendetwas schiefläuft in der Nachbarschaft oder im Stadtteil.“

Nachbarschaft in Zeiten der Digitalisierung

Heute verabreden sich immer mehr Menschen über Internet-Portale wie nebenan.de und lokale Facebook-Gruppen, man tauscht und leiht Dinge, organisiert gemeinsame Zusammenkünfte.

Diese Gruppen erfüllen ein Bedürfnis: Nämlich Kontakt zu haben zu Leuten, die einem ähnlich sind, ähnliche Interessen haben. Durch die Möglichkeiten der Digitalisierung werden wir uns stärker dessen bewusst, wer eigentlich um uns herum wohnt. Und so öffnet die digitale Welt einen weiteren Weg, auch mit echten Menschen im echten Leben in Kontakt zu treten.

Organisieren Sie doch mit Ihren Nachbarn ein Fest in Ihrer Straße…